Karneval in Venedig

Die Geschichte des Karneval

Geschichte ist im venezianischen Karneval, in seinen Kostümen, Zeremonien, Festen stets präsent. Anspielungen, Zitate, Erinnerungen an grosse politische oder militärische Ereignisse, an städtische Rivalitäten, Kämpfe, Unterwerfungen, aber auch an Mythen, Märchen und Moden des Volkes durchziehen die Maskenzeit.

Wie in ganz Italien standen auch in Venedig antike Maskenfeste Pate bei der Entstehung des Karnevals, allen voran die Saturnalien, die im ganzen römischen Imperium als Fest der Jahreswende mit allen attraktiven Möglichkeiten der Maskenorgie aufwarteten. Trotz wie überall heftiger Gegnerschaft der Kirche feierten die Venezianer ihren Karneval seit dem Bestehen der Stadt.

Die Kostümierung hatte zu Beginn noch wenig vom Raffinement und von der Vielfalt, die später die Bewunderung Europas erregen sollten. Im «Giuoco degli Ovi», dem «Eierspiel» zogen als Teufelchen verkleidete Männer vor die Häuser der jeweils ins Auge gefassten Frauen und Mädchen und bewarfen, angeführt vom Mattaccino,

die Fenster oder besser noch die dahinter stehenden Damen mit Eiern, die in schon sehr galanter Weise mit Duftwasser gefüllt waren. Offenbar ging es dabei nicht sehr streng zu, denn für das «Regierungsviertel», den Bezirk um San Marco, verbietet der Grosse Rat im Jahr 1268 das bis ins 17. Jahrhundert beliebte Spiel. Überhaupt begann jetzt die Epoche der Verbote.

Diese Versuche erwiesen sich jedoch als wenig oder gar nicht erfolgreich. Vor allem Maske, Vermummung und Verkleidung zeigten sich resistent gegenüber allen Verboten. 1606 wenigstens beschränkten sich die Behörden wieder darauf, das über 150 Jahre alte Verbot zu erneuern, maskiert die Nonnenklöster heimzusuchen. Gerade Maske und Verkleidung hatten in der Epoche der Verbote die erstaunlichsten Fortschritte gemacht. Zu den traditionellen «wilden Männern», den Eier werfenden Teufelchen, den Männern in der «Gnaga», der Frauenmaske,

den Lumpenkostümen und verlarvten oder nur geschwärzten Gesichtern traten nun im Venedig der Renaissance Mythologie der Antike und poetische Phantasie der neuen Zeit in einen Wettstreit der Kostüme.

Das kleinlaute Dekret des Rats der Zehn aus dem Jahr 1606 wird 1608 wiederholt unter Fortlassung des Verbots, in Maske die Nonnenklöster zu visitieren oder überhaupt kirchliche Gebäude zu betreten. Statt dessen enthält die neue Verordnung in breiter Ausführlichkeit und unter Androhung schwerer Kerker- und Galeerenstrafen das Verbot, «in dieser Stadt, sei es allein oder begleitet, in Maske zu gehen zu welcher Jahreszeit auch immer, ausser in jenen Tagen des Karnevals, die durch allgemeinen Gebrauch die Erlaubnis dazu besitzen, wobei unter Maske zu verstehen ist, dass auch jene angesprochen sind, die falsche Bärte oder anderes auf ihrem Gesicht haben, das den Habitus der Maske abgibt, und ebenso Frauen, die im Habitus der Männer erscheinen».

Hier wird nun deutlich, dass es offenbar schon lange nicht mehr um die Durchsetzung des totalen Maskenverbots ging, sondern im Gegenteil die Vermummung offensiv geworden war. Die Gesellschaft hatte noch in der Epoche der Verbote damit begonnen, die Maskenzeit auszudehnen. So begann im 17. Jahrhundert der eigentliche «Karneval» Venedigs, jene ausgedehnte Maskenzeit, die bereits im Oktober ihren Anfang nahm, für nur kurze Zeit zu Weihnachten unterbrochen wurde, um dann am 26. Dezember nach alter Tradition offiziell eröffnet zu werden, aber nun keineswegs am Aschermittwoch ein endgültiges Ende fand. Vielmehr flammte bei Jahresfesten, bei allen politischen Festen, bei öffentlichen Amtseinführungen und bei Staatsbesuchen die Maskenzeit immer wieder auf. Im 18. Jahrhundert hatte sich diese Infiltration der Gesellschaft durch die Maske endgültig durchgesetzt, und das maskierte Venedig war zur Attraktion des vorindustriellen Tourismus geworden.

Die venezianische Maske

Die venezianische Maske besteht in einem Mantel von schwarzer Seide, wie die Abbeemäntel - (das ist der Tabarro) -,

die Bürger tragen sie auch von rotem oder grauen Tuch, weil sie dauerhafter sind. Auf dem Kopfe trägt man eine Bahute (Bauta) oder Kappe, welche den Kopf bis ans Kinn bedeckt, und bis über die Schulter hinab geht. Das Gesicht ist mit einer weißen Wachsmaske (volto) bedeckt, welche bis auf den Mund geht,

und man setzt einen weißen Federhut dazu auf - (d. h. einen schwarzen Hut mit weißen Federn) -, um sie fest zu halten ... Dieses ist die allgemeine Tracht beiderlei Geschlechts, man unterscheidet die Frauen nur an den unter dem Mantel hervorragenden Röcken.» «Maschera nobile» heißt diese Maske. Erst seit 1756 ist sie auch den Frauen erlaubt und gilt seitdem als die venezianischste der Masken. Gesellschaftliche, ständische Unterschiede hebt sie scheinbar auf, macht alle ihre Träger gleich. «Sior Maschera» - das genügt als Anrede. Aber dennoch ist sie nur eine von vielen Möglichkeiten der Maskierung. Immer größer, immer üppiger, immer phantastischer zeigen sich Zahl, Motiv, Form und Farbe der Kostüme. Vor allem die Commedia dell'Arte entlädt das Arsenal ihrer Figuren in den venezianischen Karneval. An erster Stelle steht da Pantalone, venezianischer Kaufherr mit spitzem Bart, schwarzer Maske und rotem Kostüm, ältlich wie Venedig selbst, kraftvoll in Pose, dann sogleich wieder kränklich, galant, lüstern und doch stets aufs neue betrogen. Aus Bergamo - aus der venezianischen Terraferma - kommen die beiden «Zanni»:

Arlecchino und Brighella. Der erste im bunten Flickenkostüm und mit schwarzer plattnasiger Beulenmaske ist lustig, ungeschickt, hilfsbereit, naiv-liebenswürdig, oft sogar geistreich, ohne es allerdings zu wissen, ein Traumtänzer in prosaischer Wirklichkeit. Brighella ist intrigant, unerschöpflich an listigen Einfällen, schlagfertig, bissig mit hohen Herren, sanft mit schönen Mädchen, stets gut bei Kasse, der elastischste Mensch, der sich denken lässt. Beide repräsentieren in Venedig eine große soziale Gruppe, sie stehen für alle, die vom italienischen Festland in die Weltstadt kamen, um hier in Diensttätigkeiten Lohn und Brot zu erhalten. In ihnen sieht man an die 13 000 Diener, Träger, Beleuchter, Ausrufer, Läufer, Straßenkehrer und viele andere mehr. Die Beliebtheit dieser beiden Masken in Venedig ist kaum zu übertreffen - weder auf der Bühne noch als Kostüm im Karneval. Um die drei venezianischen Masken gruppieren sich die anderen Charaktere der Commedia dell'Arte, alle repräsentieren sie zugleich lokale Eigentümlichkeiten der Städte und Provinzen Italiens. Da ist der «Dottore»

aus Bologna, wie Pantalone ein Vertreter patrizisch-bürgerlicher Autonomie und ebenso wie dieser dauernd enttäuscht, getäuscht, betrogen. Dann einer der beliebtesten: Der Spaghetti-Spaßmacher aus Neapel, Pulcinella, in weißem Kostüm mit schwarzer Maske, dumm, faul, gefräßig, aber Realist.

Aus Neapel stammt auch Scaramuccia, der nichts fürchtet als die Gefahr. Siena entsendet den elegant-schwarzseherischen Cassandro; sonst ist die Toskana für die Liebespaare, die Übermütigen, allzu Feinen, Überzärtlichen zuständig, für Orazio und Coralina, Cintio und Flaminia, Lelio und Silvia, Leandro und Isabella. Aus Oberitalien sodann der naive Pagliaccio, der nach Frankreich auswandert und als Pierrot zurückkehrt.

In Venedig zieht Casanova mit diesem Kostüm in den Karneval.

Aber es gibt noch andere: Tartaglia, der stottert,

Coviello aus dem Süden, ein Luftikus, der auf alles mit einer Melodie antwortet, Francatrippa, der sich voll frisst, seine «Verwandten» Fritellino, Gianfarina, Scapino, Mezzetino, Fracasso, Truffaldino und Trivelino. Die Liste ist schier endlos. Noch sind alle Hauptrollen gar nicht benannt. Da fehlen der Capitano,

Columbine, Ruzzante, Stenterello und Pasquariello. Alle diese Figuren finden sich im venezianischen Karneval verdoppelt. Sie stehen auf den Bühnen der Lustspieltheater und laufen, gaffen, rempeln, schreien im Masken treiben auf der Piazza. Dort treffen sie auf die alten und neuen Kostüme des Karnevals.

Der zeitgenössische Karneval

Zehn Tage lang verzaubern alljährlich farbenprächtige Kostüme und Masken aus vergangenen Jahrhunderten die Lagunenstadt.

 

Als Casanova oder venezianische Kurtisane maskiert, feiert man den "carne vale" -den Abschied vom Fleisch - bevor die Fastenzeit dem Übermut ein Ende setzt.

Als Napoleon 1797 Venedig eroberte, ging mit der Republik auch der Karneval unter. Er wurde 1980 von der Stadt Venedig wieder ins Leben gerufen, und die ganze Stadt wurde zur Bühne erklärt. Die Maske hat in Venedig eine lange Tradition: Schon in vergangener Zeit stand es jedermann frei, in den Tagen des Karnevals eine beliebige Rolle anzunehmen - ob Bürger oder Edelmann, ob Kurtisane oder Dame des Adels. Damit wurden für einige Tage die gesellschaftlichen Hierarchien außer Kraft gesetzt, und ein jeder konnte sich der Illusion einer anderen Identität hingeben. Die Maske symbolisiert auch die Doppelgesichtigkeit venezianischen Lebens: Man verbirgt sich und stellt sich doch gleichzeitig zur Schau. Auf vielen kleinen Bühnen der Stadt finden in der Tradition der Commedia dell'Arte Aufführungen statt. Carlo Goldini, der venezianische Komödienschreiber,

schuf in seinem Volkstheater Platz für Adlige und einfache Bürger und gab eingefahrene Moralvorstellungen der Lächerlichkeit preis, ein wenig vergleichbar mit den Kriminalromanen von Donna Leon über den Commissario Brunetti, in denen immer wieder die Missstände der italienischen Gesellschft angeprangert werden

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